Von Joerg S. – Jahrgang 1970
Warum sind wir so sicher, dass die Welt vor 40 Jahren besser war, obwohl die meisten von uns damals ein Telefon mit Wählscheibe hatten, auf Polio-Impfungen hofften und Homosexualität noch strafbar war?
„Früher war alles besser“ – dieser Satz hat sich tief in unser kollektives Bewusstsein eingegraben. Die Straßen waren sicherer, die Menschen freundlicher, das Leben einfacher. Oder etwa nicht? In einer Zeit, in der Klimakrise, geopolitische Spannungen, soziale Polarisierung und eine scheinbar endlose Abfolge von Krisen unseren Alltag dominieren, wirkt die Vergangenheit wie ein verlorenes Paradies. Doch wenn wir ehrlich sind: Stimmt dieses Bild überhaupt? Oder unterliegen wir einer kollektiven Täuschung, einem emotionalen Reflex, der mehr über unsere Psyche aussagt als über die tatsächliche Realität?
Die zwei Wahrheiten: Objektive Realität versus subjektive Wahrnehmung
Um diese Frage zu beantworten, müssen wir zunächst zwischen zwei grundlegend verschiedenen Perspektiven unterscheiden: der objektiven, messbaren Realität und der subjektiven Wahrnehmung dieser Realität. Beide existieren gleichzeitig – und beide sind wahr, auf ihre eigene Art.
Die objektive Wahrheit lässt sich in Zahlen, Daten und Fakten ausdrücken. Wie viele Menschen leben in extremer Armut? Wie hoch ist die Lebenserwartung? Wie viele Kinder sterben vor ihrem fünften Geburtstag? Wie verbreitet sind Kriege? Diese Fragen lassen sich präzise beantworten, und die Antworten erzählen eine Geschichte, die oft überrascht.
Die subjektive Wahrheit hingegen ist das, was wir fühlen, erleben und für wahr halten. Sie wird geprägt durch persönliche Erfahrungen, Ängste, Hoffnungen und – das ist entscheidend – durch die Art und Weise, wie Informationen uns erreichen. Diese Wahrnehmung kann sich massiv von den objektiven Fakten unterscheiden.
Das Faszinierende: Beide Wahrheiten können gleichzeitig existieren. Die Welt kann objektiv besser geworden sein, während sie sich subjektiv schlechter anfühlt. Dieser Widerspruch ist kein Denkfehler, sondern ein fundamentales Merkmal der menschlichen Psyche.
Die objektive Realität: Eine Welt, die besser wurde
Beginnen wir mit den harten Fakten. Wenn wir die Welt von heute mit der von vor 30, 50 oder 70 Jahren vergleichen, zeigt sich ein überraschendes Bild:
Gesundheit und Lebenserwartung: In den 1950er Jahren lag die durchschnittliche Lebenserwartung weltweit bei etwa 48 Jahren. Heute liegt sie bei über 73 Jahren. Kindersterblichkeit ist dramatisch gesunken – von etwa 18% in den 1960ern auf unter 4% heute. Krankheiten wie Polio, die noch in den 1950ern Tausende lähmten, sind nahezu ausgerottet. Wir haben Impfstoffe, Antibiotika, fortgeschrittene Chirurgie und Behandlungen für Krankheiten, die früher Todesurteile waren.
Sicherheit: Trotz medialer Berichterstattung über Gewalt und Kriminalität: Die Zahl der Verkehrstoten in Deutschland ist von über 21.000 im Jahr 1970 auf unter 3.000 heute gesunken – und das bei deutlich mehr Fahrzeugen auf den Straßen. Die Mordraten in Europa sind historisch niedrig. Auch weltweit sind bewaffnete Konflikte, gemessen an der Weltbevölkerung, seltener geworden als in den meisten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts.
Wohlstand und Armut: Die extreme Armut weltweit hat sich seit 1990 mehr als halbiert. In den 1950er und 60er Jahren lebten etwa 60-70% der Weltbevölkerung in extremer Armut – heute sind es unter 10%. Der materielle Wohlstand, der Zugang zu Bildung, zu sauberem Wasser, zu Elektrizität ist global gesehen signifikant gestiegen.
Rechte und Freiheiten: In den 1950er Jahren war Homosexualität in Deutschland strafbar. Frauen durften ohne Erlaubnis ihres Ehemannes nicht arbeiten. Vergewaltigung in der Ehe war legal bis 1997. Die Gleichberechtigung von Minderheiten, LGBTQ+-Rechte, die Abschaffung der Todesstrafe in vielen Ländern – all das sind Errungenschaften der letzten Jahrzehnte.
Zugang zu Information und Bildung: Die Alphabetisierungsrate – der Prozentsatz der Bevölkerung, der lesen und schreiben kann – ist weltweit von etwa 36% im Jahr 1950 auf über 86% heute gestiegen. Wir haben Zugang zu mehr Wissen als je zuvor in der Menschheitsgeschichte – und das oft kostenlos und in Sekundenschnelle.
Diese Liste ließe sich fortsetzen. Objektiv betrachtet leben wir heute in der sichersten, gesündesten, wohlhabendsten und am besten informierten Ära der Menschheitsgeschichte.
Die Schattenseiten: Wo es objektiv schlechter wurde
Doch es wäre intellektuell unredlich, nur die Fortschritte zu betrachten. Es gibt Bereiche, in denen die Welt messbar schlechter geworden ist:
Klimawandel: Dies ist vielleicht die gravierendste Verschlechterung. Die CO2-Konzentration in der Atmosphäre ist von etwa 310 ppm in den 1950ern auf über 420 ppm heute gestiegen. Die globale Durchschnittstemperatur ist um etwa 1,2 Grad Celsius gestiegen. Extremwetterereignisse nehmen zu, Gletscher schmelzen, Meeresspiegel steigen. Dies ist eine existenzielle Bedrohung, die es in diesem Ausmaß früher nicht gab.
Biodiversität: Der Verlust an Arten in der Tierwelt und Lebensräumen ist dramatisch. Wir befinden uns im sechsten großen Massenaussterben der Erdgeschichte – diesmal menschengemacht. Die Biomasse wildlebender Säugetiere ist seit 1970 um etwa 60% zurückgegangen.
Bürokratie und Komplexität: Die Regulierungsdichte, die Komplexität von Verwaltungsprozessen, die schiere Menge an Vorschriften – all das ist exponentiell gewachsen. Was früher mit einem Anruf erledigt war, erfordert heute oft digitale Formulare, Wartezeiten und Frustration.
Einsamkeit und mentale Gesundheit: Trotz technologischer Vernetzung berichten mehr Menschen von Einsamkeit und sozialer Isolation. Die Raten von Depressionen und Angststörungen, besonders bei Jugendlichen, sind in den letzten Jahrzehnten gestiegen.
Ungleichheit: Während die absolute Armut gesunken ist, ist die relative Ungleichheit in vielen Ländern gewachsen. Die Vermögenskonzentration bei den Reichsten 1% hat zugenommen, was soziale Spannungen verschärft.
Diese Probleme sind real, messbar und ernst. Sie zu leugnen wäre genauso falsch wie die Fortschritte zu ignorieren.
Die Herausforderungen unserer Zeit…Ein Vergleich
Um zu verstehen, ob unsere Zeit wirklich herausfordernder ist, lohnt sich ein direkter Vergleich mit früheren Dekaden:
Die 1950er Jahre: Eine Welt, die gerade aus dem verheerendsten Krieg der Geschichte gekommen war. Deutschland lag in Trümmern, Europa war geteilt, der Kalte Krieg begann, die atomare Vernichtung schien jederzeit möglich. Millionen waren Flüchtlinge, Hunger war weit verbreitet, medizinische Versorgung rudimentär. Gleichzeitig: soziale Normen waren eng, Autoritarismus verbreitet, Minderheiten unterdrückt.
Die 1970er Jahre: Ölkrise, wirtschaftliche Stagnation, RAF-Terror in Deutschland, atomare Aufrüstung, Vietnam-Krieg, Umweltverschmutzung in katastrophalem Ausmaß (denkt an die Rhein-Vergiftung oder Smog in Großstädten). Die Angst vor einem Atomkrieg war allgegenwärtig, Bunker wurden gebaut, Sirenen getestet.
Die 1990er Jahre: Nach dem Ende des Kalten Krieges schien kurz Frieden möglich – aber dann kamen Jugoslawien-Kriege mit ethnischen Säuberungen, Völkermord in Ruanda, wirtschaftliche Unsicherheit, Arbeitslosigkeit in Ostdeutschland nach der Wende. AIDS war eine tödliche Pandemie ohne Behandlung.
Jede Epoche hatte ihre Krisen, ihre Ängste, ihre existenziellen Bedrohungen. Der Unterschied zu heute? Wir wissen mehr darüber – in Echtzeit, in Farbe, auf unseren Bildschirmen und Displays.
Die heutigen Herausforderungen – Klimawandel, geopolitische Spannungen (Ukraine, Naher Osten), soziale Polarisierung, Rechtsextremismus, Pandemien wie COVID-19, Migrationsbewegungen, wirtschaftliche Unsicherheit – sind real und ernst. Aber sie existieren in einer Welt, die insgesamt widerstandsfähiger, reicher, gesünder und informierter ist als je zuvor.
Die Rolle der Medien: Warum schlechte Nachrichten sich besser verkaufen
Hier kommen wir zu einem entscheidenden Punkt: der Art und Weise, wie wir von der Welt erfahren.
Das Geschäftsmodell der Aufmerksamkeit: Medien – ob traditionell oder sozial – leben von Aufmerksamkeit. Und unser Gehirn ist evolutionär darauf programmiert, auf Bedrohungen stärker zu reagieren als auf positive Entwicklungen. Ein hungriger Tiger war gefährlicher als eine reife Frucht wichtig. Diese Negativitätsverzerrung (Negativity Bias) ist tief in unserer Psychologie verankert.
Medien wissen das – bewusst oder unbewusst. „Wenn es blutet, führt es“ (If it bleeds, it leads) ist ein alter Journalismus-Grundsatz. Eine Schlagzeile wie „Alles ist weitgehend in Ordnung“ verkauft sich nicht. „Die Welt steht am Abgrund“ schon. Das ist kein böser Wille, sondern ökonomische Realität: Negative Nachrichten erzeugen mehr Klicks, mehr Emotionen, mehr Engagement – und damit mehr Werbeeinnahmen.
Die Verfügbarkeit von Information: In den 1950er oder 70er Jahren erfuhren wir von einer Katastrophe vielleicht einen Tag später, in der Tagesschau, für 30 Sekunden. Heute erleben wir Krisen in Echtzeit, aus Dutzenden Perspektiven, mit Live-Videos, emotionalen Zeugnissen, ständigen Updates. Jeder Terroranschlag, jeder Unfall, jede Naturkatastrophe, jede politische Krise wird uns sofort und intensiv präsentiert.
Das führt zur Verfügbarkeits-Heuristik: Wir halten das für häufig und wahrscheinlich, was uns leicht in den Sinn kommt. Wenn wir täglich von Gewalt, Krisen und Katastrophen hören, entsteht der Eindruck, die Welt sei voller Gewalt und Krisen – selbst wenn statistisch das Gegenteil der Fall ist.
Social Media als Verstärker: Plattformen wie X (Twitter), Facebook oder TikTok verstärken diesen Effekt exponentiell. Algorithmen priorisieren emotionale, polarisierende Inhalte. Empörung und Angst verbreiten sich schneller als differenzierte Analysen. Jeder kann zum Sender werden, Filter fehlen, Kontext verschwindet. Das Ergebnis: Eine permanente Flut an Negativinformationen, die uns das Gefühl gibt, in einer Krisenspirale zu leben.
Der Vergleich mit früher: In den 1970ern gab es drei TV-Kanäle, die Tageszeitung, das Radio. Die Informationsmenge war begrenzt, kuratiert, zeitlich limitiert. Man konnte abschalten – wortwörtlich. Heute ist das Abschalten fast unmöglich. Unser Smartphone bringt die Krisen der Welt in unsere Hosentasche, 24/7.
Unsere Psyche: Warum uns Krisen so leicht überwältigen
Die Frage ist nicht nur, ob mehr Krisen existieren, sondern auch, warum sie uns so sehr zusetzen.
Informationsüberlastung: Unser Gehirn ist nicht dafür gemacht, täglich mit globalen Katastrophen konfrontiert zu werden. Evolutionär waren unsere Probleme lokal: das Wetter, die Ernte, der Nachbarstamm. Heute sollen wir uns um den syrischen Bürgerkrieg, die Brandrodung im Amazonas, die Hungerkrise im Jemen, die Inflation in Deutschland und den Klimawandel gleichzeitig sorgen. Das ist kognitiv und emotional überfordernd.
Der Kontrollverlust: Viele heutige Probleme – Klimawandel, globale Pandemien, geopolitische Konflikte – fühlen sich für den Einzelnen unkontrollierbar an. Wir können sie nicht lösen, oft nicht einmal beeinflussen. Dieses Gefühl der Ohnmacht erzeugt Angst und Resignation.
Die Gleichzeitigkeit: Früher kam eine Krise nach der anderen. Heute erleben wir gefühlt alles gleichzeitig: Klimakrise, COVID-Nachwehen, Ukraine-Krieg, wirtschaftliche Unsicherheit, soziale Polarisierung. Diese „Polykrise“ überfordert unsere mentalen Bewältigungsstrategien.
Persönlichkeit macht einen Unterschied: Nicht jeder reagiert gleich. Menschen mit hohem Neurotizismus (einer der Big Five Persönlichkeitsfaktoren) sind exponierter für negative Emotionen, wie Angst, Ärger, Traurigkeit oder Stress. Sie nehmen Bedrohungen intensiver wahr und werden stärker von negativen Nachrichten beeinflusst. Menschen mit hoher Resilienz hingegen können dieselben Informationen verarbeiten, ohne von ihnen überwältigt zu werden.
Auch das soziale Umfeld spielt eine Rolle: Wenn alle um uns herum über Krisen sprechen, verstärkt sich unsere eigene Wahrnehmung. Soziale Ansteckung ist real – Angst, aber auch Gelassenheit, ist übertragbar.
Die gespaltene Gesellschaft: Ein neues Phänomen?
Eine oft genannte heutige Herausforderung ist die gesellschaftliche Spaltung, die Polarisierung, die Verrohung des Diskurses.
Ist das neu? Nicht wirklich. In den 1950ern und 60ern kämpften Menschen für Bürgerrechte gegen massiven Widerstand, Polizeigewalt und Lynchmorde. In den 1970ern und 80ern gab es gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen politischen Lagern, Terror von links und rechts. Die Wiedervereinigung führte zu massiven sozialen Verwerfungen und Konflikten zwischen Ost und West.
Was ist anders? Die Sichtbarkeit und die Plattformen. Social Media gibt extremen Stimmen Reichweite, die sie früher nicht hatten. Der Algorithmus belohnt Empörung. Echokammern verstärken bestehende Überzeugungen. Der öffentliche Diskurs wirkt rauer, weil er öffentlicher ist – jeder Tweet, jeder Kommentar, jede Meinung ist dokumentiert und geteilt.
Rechtsextremismus: Ja, rechtsextreme Bewegungen gewinnen in manchen Ländern an Stärke. Das ist besorgniserregend. Aber in den 1930ern kamen die Nazis an die Macht, in den 1990ern brannten Asylbewerberheime. Die Bedrohung ist real, aber nicht beispiellos.
Die Herausforderung heute: Die Demokratie zu verteidigen, ohne in Panik zu verfallen. Geschichte zeigt, dass Demokratien resilient sein können – wenn Bürger sich engagieren.
Nachrichten-Abstinenz: Lösung oder Flucht?
Angesichts dieser Informationsflut fragen sich viele: Sollte ich einfach die Nachrichten abstellen? Mich von Social Media abmelden? Eine digitale Askese praktizieren?
Die Argumente dafür: Studien zeigen, dass reduzierter Nachrichtenkonsum zu weniger Angst, besserer Stimmung und höherer Lebensqualität führen kann. Wer sich bewusst von der negativen Nachrichtenflut abgrenzt, schützt seine mentale Gesundheit. Das ist legitim und manchmal notwendig.
Die Argumente dagegen: Völlige Nachrichten-Abstinenz kann zu Realitätsverlust führen. Wir leben nicht im Vakuum. Wichtige Entwicklungen – politische Entscheidungen, gesellschaftliche Veränderungen, wissenschaftliche Erkenntnisse – betreffen uns. Informiert zu sein ist Teil demokratischer Teilhabe.
Der Mittelweg: Bewusster, kuratierter Konsum. Qualitätsmedien statt Clickbait. Feste Zeiten statt permanenter Berieselung. Bewusste Pausen. Die Unterscheidung zwischen „wichtig“ und „dringend“. Und: Die Suche nach konstruktivem Journalismus, der nicht nur Probleme, sondern auch Lösungen zeigt.
Verdrängung versus Abgrenzung: Es gibt einen Unterschied zwischen Verdrängung (Ich tue so, als gäbe es die Probleme nicht) und Abgrenzung (Ich schütze mich vor Überforderung, bleibe aber informiert). Ersteres ist problematisch, letzteres ist Selbstfürsorge.
Das Paradox: Warum fühlt es sich schlechter an, obwohl es besser ist?
Wir kommen zurück zur ursprünglichen Frage: Warum glauben so viele, früher sei alles besser gewesen, obwohl die Daten etwas anderes sagen?
Erstens: Nostalgie. Unser Gehirn neigt dazu, vergangene Zeiten zu verklären. Wir erinnern uns an die schönen Momente der Kindheit, nicht an die langweiligen oder schmerzhaften. „Früher“ ist meist unsere Jugend – eine Zeit mit weniger Verantwortung, mehr Unbeschwertheit. Das hat weniger mit der objektiven Welt zu tun als mit unserem Lebensalter damals.
Zweitens: Der psychologische Kontrast. Wir vergleichen nicht die Realität von früher mit der von heute, sondern die erinnerte, idealisierte Vergangenheit mit der problembeladenen Gegenwart. Das ist kein fairer Vergleich.
Drittens: Die Informationslast. Wie beschrieben: Wir wissen heute mehr über die Probleme der Welt. Das macht sie präsenter, auch wenn sie nicht zahlreicher oder schlimmer sind.
Viertens: Die Geschwindigkeit des Wandels. Die Welt verändert sich heute schneller als je zuvor – technologisch, sozial, ökonomisch. Das erzeugt Unsicherheit und Orientierungslosigkeit. „Früher“ fühlt sich stabiler an, weil sich weniger schnell änderte (oder weil wir es so erinnern).
Fünftens: Die Last der Verantwortung. Heute wissen wir, dass unsere Entscheidungen – unser Konsum, unser Energieverbrauch, unsere politischen Wahlen – globale Auswirkungen haben. Das ist einerseits empowernd, andererseits belastend. Diese Verantwortung gab es früher in dieser Form nicht, oder sie war nicht so bewusst.
Ein ehrliches Fazit
Die Frage „War früher alles besser?“ lässt sich nicht mit einem einfachen Ja oder Nein beantworten. Die Wahrheit ist komplexer und differenzierter.
Objektiv betrachtet leben wir heute in vielerlei Hinsicht in einer besseren Welt als unsere Eltern oder Großeltern. Wir sind gesünder, sicherer, wohlhabender, freier und besser informiert. Viele der Fortschritte, die wir als selbstverständlich betrachten – von Impfstoffen über Gleichberechtigung bis zu Reisefreiheit – wären für Menschen vor 50 Jahren unvorstellbar gewesen.
Subjektiv betrachtet fühlt sich die Welt für viele Menschen schlechter, unsicherer und krisenhafter an. Dieses Gefühl ist real und berechtigt. Es spiegelt die Überforderung durch Informationsflut, die Angst vor unkontrollierbaren Bedrohungen, wie dem Klimawandel, und die Unsicherheit in einer sich rasant verändernden Welt wider.
Beide Wahrheiten können gleichzeitig existieren. Wir können in einer historisch guten Zeit leben und uns trotzdem überfordert fühlen. Wir können Fortschritte feiern und gleichzeitig ernste neue Probleme anerkennen.
Die entscheidende Frage ist nicht, ob es früher besser war, sondern: Wie gehen wir mit dem Heute um? Verfallen wir in Nostalgie und Resignation? Oder nutzen wir unsere beispiellosen Möglichkeiten – Wissen, Technologie, globale Vernetzung – um die realen Probleme unserer Zeit anzugehen?
Die Herausforderungen sind real: Klimawandel, soziale Ungleichheit, politische Polarisierung. Aber wir haben auch mehr Werkzeuge, mehr Bewusstsein und mehr Potential für Veränderung als jede Generation vor uns.
Vielleicht ist die wichtigste Erkenntnis diese: Die Vergangenheit war weder ein Paradies noch eine Hölle – genau wie die Gegenwart. Jede Zeit hat ihre Probleme und ihre Möglichkeiten. Der Unterschied ist, dass wir heute die Wahl haben, wie wir mit Informationen umgehen, welche Narrative wir akzeptieren und wie wir unsere Energie einsetzen.
„Früher war alles besser“ ist eine bequeme Erzählung, die uns von der Verantwortung entbindet, heute zu handeln. Vielleicht sollten wir stattdessen fragen: „Was können wir heute besser machen als gestern – und was werden wir morgen besser machen als heute?“
Das ist keine naive Optimismus-Predigt. Es ist ein realistischer Blick auf eine Welt, die gleichzeitig besser und herausfordernder ist als je zuvor – und die vor allem eines ist: gestaltbar.
