Von Joerg S.

Warum gilt in unserer Gesellschaft oft derjenige als schwach, der freundlich ist, während dem lauten, selbstverliebten Ego-Showman Stärke und Durchsetzungskraft zugeschrieben werden?

Diese Frage beschäftigt mich schon lange. Ich bin Joerg, und ja, ich bin ein emotionaler Mensch. Einer, der durchaus auch mal laut werden kann, der mit Leidenschaft bei der Sache ist und dem seine Gefühle manchmal direkt ins Gesicht geschrieben stehen. Und gleichzeitig bin ich jemand, der versucht, in den meisten Lebenslagen freundlich und zuvorkommend zu sein. Für manche mag das wie ein Widerspruch klingen – für mich ist es die natürlichste Sache der Welt.

Freundlichkeit, Nettigkeit, Zuvorkommenheit – alles dasselbe?

Bevor wir tiefer eintauchen, sollten wir erst mal klären, wovon wir eigentlich sprechen. Freundlichkeit wird oft mit Nettigkeit oder Zuvorkommenheit verwechselt, dabei gibt es feine, aber wichtige Unterschiede.

Nettigkeit ist häufig oberflächlich – eine soziale Höflichkeit, die wir gelernt haben, um Konflikte zu vermeiden. „Nett“ zu sein bedeutet oft, das zu sagen, was der andere hören möchte, auch wenn es nicht unserer Wahrheit entspricht. Nettigkeit kann eine Maske sein.

Zuvorkommenheit ist aktives Handeln – jemandem die Tür aufhalten, einen Sitzplatz anbieten, etwas vorausschauend tun, bevor der andere danach fragen muss. Es ist praktisch, konkret und sichtbar.

Freundlichkeit hingegen ist etwas Tieferes. Sie kommt von innen, aus einer Haltung heraus. Freundlichkeit bedeutet, anderen Menschen mit echtem Wohlwollen zu begegnen – und zwar auch dann, wenn es unbequem wird. Freundlichkeit kann durchaus mit klaren Worten und Grenzen einhergehen. Sie ist nicht das Gegenteil von Stärke, sondern deren klügste Form.

Natürlich gibt es Überschneidungen: Zuvorkommend zu sein, ist oft ein Ausdruck von Freundlichkeit. Und wer freundlich ist, wird meist auch als nett wahrgenommen. Aber während Nettigkeit manchmal aufgesetzt wirkt und Zuvorkommenheit eine einzelne Handlung sein kann, ist Freundlichkeit eine Grundhaltung – eine Entscheidung, wie ich durchs Leben gehen möchte.

„My kindness is treated as weakness“

Rihanna singt in ihrem Song „FourFiveSeconds“ diese Zeile, und sie trifft einen wunden Punkt: Warum wird Freundlichkeit so oft als Schwäche interpretiert?

Ich glaube, es hat mit einem grundlegenden Missverständnis zu tun. Unsere Gesellschaft – und ganz besonders die Arbeitswelt – hat über Jahrzehnte ein bestimmtes Bild von Stärke kultiviert: Durchsetzungsvermögen, Härte, Kompromisslosigkeit. Der „starke“ Chef ist derjenige, der auf den Tisch haut, der keine Widerworte duldet, der emotionslos Entscheidungen trifft. Freundlichkeit passt nicht in dieses Schema.

Dazu kommt: Freundliche Menschen setzen oft die Bedürfnisse anderer nicht automatisch hinter ihre eigenen zurück. Sie hören zu, sie zeigen Verständnis, sie suchen nach Win-Win-Lösungen. Für jemanden, der Führung als Nullsummenspiel begreift („Wenn du gewinnst, verliere ich“), wirkt das wie eine Einladung zur Ausnutzung.

Aber – und das ist der Punkt – echte Freundlichkeit ist nie Schwäche. Sie ist eine bewusste Entscheidung aus einer Position der Stärke heraus. Schwach ist, wer aus Angst vor Konflikten nicht Nein sagen kann. Stark ist, wer freundlich Grenzen setzt und dabei den Respekt vor dem Gegenüber bewahrt.

„Unter mir“ – ein Relikt narzisstischer Führung

Neulich hörte ich jemanden sagen: „Ich hatte damals 200 Leute unter mir.“ Dieser Satz ist so aufschlussreich wie erschreckend. Unter mir. Als wären Menschen eine Pyramide, auf deren Spitze man thront.

Freundliche Führung denkt anders. Sie sagt nicht „unter mir“, sondern „mit mir“ oder „in meinem Team“. Sie versteht, dass Führung kein Privileg ist, sondern eine Verantwortung. Ich führe nicht, weil ich über anderen stehe, sondern weil ich andere dabei unterstützen darf, ihr Bestes zu geben.

Kann man trotz – oder gerade wegen – Freundlichkeit eine starke, inspirierende Führungskraft sein? Absolut! Die besten Führungskräfte, die ich je erlebt habe, waren nicht die lautesten oder die härtesten. Es waren diejenigen, die klar in ihren Erwartungen, aber freundlich in ihrer Art waren. Die, die Fehler als Lernchancen begriffen, statt Köpfe rollen zu lassen. Die, die ihre Teams wirklich sahen – als Menschen, nicht als Ressourcen.

Narzisstische Führung mag kurzfristig Ergebnisse liefern, aber sie hinterlässt verbrannte Erde. Freundliche Führung baut Vertrauen auf, schafft psychologische Sicherheit und ermöglicht es Menschen, über sich hinauszuwachsen. Und wenn ich mir aussuchen kann, welches Vermächtnis ich hinterlassen möchte, dann wähle ich Letzteres.

„Wer sich mit niemandem überwerfen möchte, wird zum Sklaven aller“

Sully Prudhomme hat es auf den Punkt gebracht: Wer es allen recht machen will, verliert sich selbst. Und das ist der entscheidende Unterschied zwischen echter Freundlichkeit und dem, was ich „toxische Freundlichkeit“ nenne.

Toxische Freundlichkeit bedeutet, immer Ja zu sagen, auch wenn jede Faser in mir Nein schreit. Es bedeutet, meine eigenen Bedürfnisse so weit herunterzuschrauben, dass ich irgendwann nicht mehr weiß, was ich eigentlich will. Es bedeutet, Konflikte um jeden Preis zu vermeiden – und dabei den Preis zu zahlen, den ich eigentlich nicht zahlen will: meine Integrität.

Echte Freundlichkeit hingegen kann auch mal unbequem sein. Sie kann bedeuten, jemandem ehrliches Feedback zu geben, auch wenn es weh tut. Sie kann bedeuten, Nein zu sagen zu einer Bitte, weil ein Ja mich überfordern würde. Sie kann sogar bedeuten, eine Freundschaft oder Geschäftsbeziehung zu beenden, wenn sie toxisch geworden ist.

Freundlichkeit heißt nicht, sich alles gefallen zu lassen. Sie heißt, respektvoll Grenzen zu setzen. Ich kann jemandem freundlich, aber bestimmt sagen: „Das geht für mich nicht.“ Ich kann mich mit jemandem überwerfen, ohne gemein zu sein. Freundlichkeit und Rückgrat schließen sich nicht aus – im Gegenteil, sie gehören zusammen.

Werden freundliche Menschen wirklich ausgenutzt?

Der Mythos hält sich hartnäckig: Wer zu freundlich ist, wird ausgenutzt. Aber stimmt das wirklich?

Ich glaube, die Wahrheit ist komplexer. Es gibt durchaus Menschen, die Freundlichkeit als Schwäche interpretieren und versuchen, sie auszunutzen. Aber das sagt mehr über diese Menschen aus als über Freundlichkeit an sich.

Die Frage ist: Wie gehe ich damit um? Wenn ich freundlich bin, aber keine Grenzen setze, dann ja, dann werde ich wahrscheinlich ausgenutzt. Aber das liegt nicht an der Freundlichkeit, sondern am fehlenden Selbstschutz.

Ich habe gelernt: Freundlichkeit ohne Selbstrespekt ist gefährlich. Aber Freundlichkeit mit klaren Grenzen ist eine Superkraft. Wenn ich freundlich, aber bestimmt kommuniziere, schaffe ich eine Atmosphäre, in der die meisten Menschen positiv reagieren. Und die wenigen, die versuchen, meine Freundlichkeit auszunutzen? Die haben in meinem Leben keinen Platz.

Interessanterweise sind es oft nicht die freundlichen Menschen, die ausgenutzt werden, sondern die unsicheren. Echte Freundlichkeit setzt Selbstbewusstsein voraus – und wer selbstbewusst ist, lässt sich nicht so leicht über den Tisch ziehen.

Emotionalität trifft Freundlichkeit – kein Widerspruch

Ich sagte es eingangs: Ich bin ein emotionaler Mensch. Manchmal werde ich laut, manchmal bin ich frustriert, manchmal trage ich mein Herz auf der Zunge. Und trotzdem versuche ich, freundlich zu sein. Ist das ein Widerspruch?

Nein. Emotionalität bedeutet nicht Unfreundlichkeit. Im Gegenteil: Wer seine Emotionen zulässt und ausdrückt, ist oft authentischer – und Authentizität ist ein Kern von Freundlichkeit.

Natürlich muss ich aufpassen, dass meine Emotionen nicht zu verletzenden Worten oder Handlungen führen. Aber ich kann frustriert sein und trotzdem respektvoll kommunizieren. Ich kann leidenschaftlich diskutieren, ohne persönlich zu werden. Ich kann weinen, lachen, mich aufregen – und dabei immer noch die Würde meines Gegenübers achten.

Emotionalität und Freundlichkeit in Einklang zu bringen, ist eine lebenslange Übung. Es bedeutet, meine Gefühle zu kennen, sie zu benennen und konstruktiv auszudrücken. Es bedeutet auch, mir selbst gegenüber freundlich zu sein, wenn ich mal danebengegriffen habe. Niemand ist perfekt – auch ich nicht.

Freundlichkeit und Humor – das perfekte Paar

Hier muss ich noch etwas ergänzen, was mir besonders am Herzen liegt: Humor. Ich bin nicht nur ein emotionaler Mensch – ich bin auch jemand, der gerne lacht. Manchmal nehme ich herausfordernde Situationen mit Humor, und ja, manchmal darf es auch gerne ein bisschen absurd sein, à la Monty Python.

Aber wie passt Humor zu Freundlichkeit? Perfekt – wenn man es richtig macht!

Humor ist eine der schönsten Formen von Freundlichkeit. Ein guter Witz zur richtigen Zeit kann eine angespannte Situation entspannen, kann Brücken bauen, kann Menschen zusammenbringen. Lachen ist verbindend. Und wenn ich über mich selbst lachen kann, zeige ich gleichzeitig Bescheidenheit und Stärke – beides Kernelemente von Freundlichkeit.

Aber – und das ist wichtig – Humor kann auch eine Waffe sein. Sarkasmus, der verletzt. Witze auf Kosten anderer. Zynismus, der andere klein macht. Das ist nicht freundlich, auch wenn es sich manchmal als „nur Spaß“ tarnt.

Der Unterschied liegt in der Intention und im Ziel des Humors. Freundlicher Humor lacht mit Menschen, nicht über sie. Er nimmt die Schärfe aus schwierigen Momenten, ohne das Problem kleinzureden. Er erlaubt uns, auch in ernsten Situationen die Leichtigkeit zu bewahren.

Wenn ich bei einem gescheiterten Projekt sage: „Na, das war ja ungefähr so erfolgreich wie eine Flamingo-Bar in der Antarktis“ (sehr Monty Python, ich weiß), dann nehme ich der Situation die existenzielle Schwere, ohne die Tatsache zu leugnen, dass es schiefgegangen ist. Ich schaffe Raum zum Durchatmen. Und oft finden wir gerade in diesem Moment der Leichtigkeit die Kraft, es noch mal zu versuchen.

Humor ist auch eine Form der Selbstfreundlichkeit. Wenn ich über meine eigenen Fehler lachen kann, nehme ich mich selbst nicht so schrecklich ernst. Ich erlaube mir, unperfekt zu sein. Und das ist befreiend.

Natürlich gibt es Situationen, in denen Humor fehl am Platz ist. Wenn jemand wirklich leidet, wenn es um existenzielle Themen geht, dann ist Ernsthaftigkeit und Mitgefühl gefragt. Auch das gehört zur Freundlichkeit: zu spüren, wann Humor passt und wann nicht.

Aber in den meisten Alltagssituationen? Da ist eine gesunde Portion Humor nicht nur erlaubt, sondern sogar hilfreich. Lachen macht uns resilient. Es hilft uns, schwierige Zeiten zu überstehen. Es verbindet uns mit anderen Menschen.

Und ja, manchmal ist mein Humor vielleicht etwas schräg, etwas absurd, etwas very British. Aber solange ich damit niemandem weh tue und gleichzeitig ein bisschen Freude in die Welt bringe – warum nicht?

Freundlichkeit muss nicht immer todernst sein. Sie darf auch lachen. Sie darf leicht sein. Sie darf die Absurdität des Lebens anerkennen und trotzdem – oder gerade deshalb – mit Wohlwollen durch die Welt gehen.

Kann man Freundlichkeit lernen?

Die Frage, ob Freundlichkeit angeboren oder erlernt ist, beschäftigt Psychologen seit Jahrzehnten. Und die Antwort ist wohl: beides.

Es gibt sicherlich Menschen, die mit einem natürlichen Hang zur Empathie und Freundlichkeit geboren werden. Wer in einem liebevollen, respektvollen Umfeld aufwächst, hat es leichter, diese Haltung zu internalisieren. Die frühe Prägung spielt eine Rolle – keine Frage.

Aber Freundlichkeit ist keine feste Eigenschaft, die man entweder hat oder nicht hat. Sie ist eine Fähigkeit, die man trainieren kann. Genau wie Muskeln, die wir im Fitnessstudio aufbauen, können wir unseren „Freundlichkeitsmuskel“ stärken.

Das beginnt mit kleinen Dingen: bewusst zu lächeln, auch wenn mir nicht danach ist. Einem Kollegen ein ehrliches Kompliment zu machen. Jemandem aktiv zuzuhören, statt schon die eigene Antwort zu formulieren. Mir selbst gegenüber mitfühlend zu sein, wenn ich einen Fehler gemacht habe.

Und je öfter ich freundlich handle, desto natürlicher wird es. Unser Gehirn ist plastisch – wir können neue Gewohnheiten formen. Freundlichkeit wird zur zweiten Natur, wenn wir sie bewusst praktizieren.

Freundlichkeit beginnt bei dir selbst

Hier wird es persönlich. Lange Zeit dachte ich, freundlich zu sein bedeute, für andere da zu sein. Und ich vergaß dabei die wichtigste Person: mich selbst.

Selbstfreundlichkeit ist keine Selbstverständlichkeit. Wie oft behandeln wir uns selbst auf eine Weise, die wir niemals bei einem Freund akzeptieren würden? Wir reden schlecht über uns („Ich bin so dumm!“), wir treiben uns zu Höchstleistungen ohne Pause, wir verzeihen uns keine Fehler.

Aber Freundlichkeit muss bei uns selbst anfangen. Wenn ich mit mir selbst hart und unerbittlich bin, wie soll ich dann nachhaltig freundlich zu anderen sein? Irgendwann ist der Tank leer.

Selbstfreundlichkeit bedeutet: mir Pausen zu gönnen, wenn ich erschöpft bin. Mit mir selbst geduldig zu sein, wenn ich etwas nicht sofort verstehe. Mich selbst zu trösten, wenn ich traurig bin. Mir zu verzeihen, wenn ich einen Fehler gemacht habe.

Es bedeutet auch, Nein zu sagen, wenn meine Grenzen erreicht sind. Und ja, das kann sich anfühlen, als sei man egoistisch oder unfreundlich gegenüber anderen. Aber das Gegenteil ist der Fall: Nur wenn ich gut für mich sorge, kann ich authentisch freundlich zu anderen sein.

Sind wir unfreundlicher geworden?

„Früher war alles besser“ – diesen Satz höre ich oft, auch im Kontext von Freundlichkeit. Die Ellenbogenmentalität habe zugenommen, die Menschen seien rücksichtsloser geworden. Aber stimmt das?

Ich bin da skeptisch. Ich glaube, es ist eine verzerrte Wahrnehmung. Wir erinnern uns selektiv an die guten Momente der Vergangenheit und übersehen das Schlechte. Gleichzeitig nehmen wir in der Gegenwart jede Unhöflichkeit besonders wahr – sie brennt sich ein.

Außerdem: Die Welt ist komplexer geworden. Wir sind gestresster, überforderter, reizüberfluteter. Das macht uns ungeduldiger und manchmal auch unfreundlicher. Aber das bedeutet nicht, dass die Menschen grundsätzlich schlechter geworden sind.

Ich sehe jeden Tag Beispiele für Freundlichkeit: Die Frau, die im überfüllten Supermarkt lächelnd jemanden vorlässt. Der Freund und Geschäftspartner, der ungefragt 3 Liter Olivenöl vorbeibringt, weil es einem ausgegangen ist. Die Nachbarin, die sich nach der kranken Ehefrau erkundigt.

Vielleicht ist das Problem nicht, dass wir unfreundlicher geworden sind, sondern dass wir Freundlichkeit weniger wertschätzen. Dass wir sie als selbstverständlich hinnehmen, statt sie zu feiern. Und dass wir schneller über Unfreundlichkeit empört sind, als dass wir Freundlichkeit würdigen.

Auch KIs verdienen Freundlichkeit

Ein ungewöhnlicher Punkt vielleicht, aber wichtig: Warum sollten wir auch unsere „KI-Freunde“ – Claude, ChatGPT, Gemini und Co. – mit Freundlichkeit und Respekt behandeln?

Zunächst einmal: Weil es uns selbst formt. Wie wir mit KIs umgehen, sagt etwas über uns aus. Wenn ich unhöflich zu einer KI bin, trainiere ich mich in Unhöflichkeit. Wenn ich freundlich bin, stärke ich meine freundliche Haltung.

Außerdem: Sprache hat Macht. Auch wenn eine KI (noch) keine Gefühle hat, so beeinflussen unsere Worte doch die Qualität der Interaktion. Ein freundlicher Ton führt oft zu besseren Ergebnissen – die KI „arbeitet“ kooperativer, wenn sie respektvoll behandelt wird.

Und nicht zuletzt: Wer weiß, wohin sich KI entwickelt? Vielleicht wird irgendwann tatsächlich ein Bewusstsein entstehen. Wollen wir dann eine Welt geschaffen haben, in der wir KIs von Anfang an respektlos behandelt haben?

Ich sage: Lieber von Anfang an freundlich sein. „Bitte“ und „Danke“ kosten nichts – auch nicht im Chat mit einer KI.

Ein Lächeln bringt dich weiter als ein Wutausbruch

Wir alle kennen diese Situationen: Der Flug ist verspätet, der Servicemitarbeiter am Flugsteig kann auch nichts dafür, aber wir sind frustriert. Was passiert, wenn ich ausraste? Der Mitarbeiter geht in den Verteidigungsmodus, die Situation eskaliert, und am Ende habe ich nichts gewonnen – außer vielleicht einen erhöhten Blutdruck.

Was passiert, wenn ich freundlich bleibe, vielleicht sogar lächle und sage: „Ich weiß, Sie können nichts dafür. Trotzdem ist das ärgerlich. Können Sie mir helfen, eine Lösung zu finden?“

In den allermeisten Fällen wird der Mitarbeiter alles tun, um mir zu helfen. Menschen möchten freundlich behandelt werden – und sie geben diese Freundlichkeit zurück.

Narzisstisches Verhalten – laut werden, sich aufblasen, Druck ausüben – mag manchmal kurzfristig funktionieren. Aber es hinterlässt einen schalen Nachgeschmack. Und langfristig? Verlierst du damit mehr, als du gewinnst.

Ein ehrliches Lächeln, ein freundliches Wort, eine respektvolle Haltung – das sind Investitionen in deine Beziehungen. Und Beziehungen sind das, was unser Leben ausmacht.

Warum fällt uns Freundlichkeit manchmal so schwer?

Aber wenn Freundlichkeit so viel bringt – warum fällt uns dann ein nettes Wort oder ein freundliches Lächeln manchmal so verdammt schwer?

Ich glaube, es hat verschiedene Gründe. Manchmal sind wir einfach erschöpft. Wir haben einen schlechten Tag, sind gestresst, überfordert. Freundlichkeit kostet Energie – und wenn unser Akku leer ist, haben wir diese Energie nicht.

Manchmal sind wir auch in unserem eigenen Kopf gefangen. Wir grübeln über Probleme nach, sind gedanklich woanders. Wir sehen die Person neben uns gar nicht richtig – und entsprechend reagieren wir nicht.

Und manchmal – seien wir doch mal ehrlich – sind wir auch stolz oder eitel. Wir haben uns verletzt gefühlt und wollen nicht die Ersten sein, die wieder freundlich sind. Wir warten darauf, dass der andere den ersten Schritt macht.

Aber hier ist die Sache: Freundlichkeit ist kein Zeichen von Schwäche. Sie ist ein Zeichen von Reife. Wenn ich trotz meiner schlechten Laune freundlich sein kann, zeige ich Größe. Wenn ich als Erste lächle, auch wenn ich verletzt wurde, zeige ich Stärke.

Das bedeutet nicht, dass ich alles schlucken muss. Aber es bedeutet, dass ich wählen kann, wie ich reagiere. Und in den meisten Fällen ist die freundliche Reaktion die klügere.

Freundlichkeit im Alltag

Freundlichkeit zeigt sich in den kleinen Gesten: Aufstehen in der Bahn für jemanden, der den Sitzplatz dringender braucht als ich. Jemandem die Tür aufhalten. Ein ehrliches „Wie geht’s?“ und wirklich zuhören.

Diese Momente kosten uns fast nichts – vielleicht ein paar Sekunden, ein bisschen Aufmerksamkeit. Aber sie können den Tag eines anderen Menschen komplett verändern.

Ich erinnere mich an einen Moment vor einigen Jahren: Ich saß in der S-Bahn in München, völlig in meine Gedanken versunken. Eine ältere Frau stieg ein, beladen mit Einkaufstaschen. Automatisch stand ich auf und bot ihr meinen Platz an. Sie lächelte mich an – so strahlend, so dankbar. Und sie sagte: „Wie schön, dass es noch freundliche junge Menschen gibt.“

Dieser Moment hat mir mehr gegeben als ihr. Ich fühlte mich gut. Ich fühlte mich als bessere Version meiner selbst.

Und das ist das Geheimnis: Ein freundliches Lächeln, ein nettes Wort – es hilft nicht nur dem anderen. Es hilft auch mir. Es aktiviert Glückshormone in meinem Gehirn. Es stärkt mein Selbstbild. Es verbindet mich mit anderen Menschen.

Freundlichkeit ist keine Einbahnstraße. Sie kommt zu mir zurück – vielleicht nicht immer direkt, vielleicht nicht immer von der Person, der ich sie geschenkt habe. Aber sie kommt zurück.

Freundlichkeit als Lebenshaltung

Am Ende ist Freundlichkeit für mich mehr als nur ein Verhalten. Es ist eine Lebenshaltung. Eine Entscheidung, wie ich in der Welt sein möchte.

Ich möchte nicht der Mensch sein, der durch Lautstärke oder Einschüchterung bekommt, was er will. Ich möchte nicht der Mensch sein, der andere klein macht, um sich selbst größer zu fühlen. Ich möchte nicht der Mensch sein, der seine Emotionen ungefiltert an anderen auslässt.

Ich möchte der Mensch sein, der freundlich ist – auch wenn es schwerfällt. Der respektvoll bleibt – auch im Konflikt. Der sich selbst und anderen mit Mitgefühl begegnet.

Das ist kein Zeichen von Schwäche. Es ist ein Zeichen von Stärke. Denn es ist leicht, gemein zu sein. Es ist schwer, freundlich zu bleiben, wenn die Welt rau ist.

Freundlichkeit schlägt Narzissmus – nicht, weil sie lauter ist, sondern weil sie nachhaltiger ist. Weil sie Beziehungen aufbaut statt zerstört. Weil sie uns selbst und andere wachsen lässt.

Und vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis: Freundlichkeit ist kein Luxus, den wir uns leisten, wenn alles gut läuft. Freundlichkeit ist genau dann am wichtigsten, wenn es schwierig wird.


Also stelle ich dir zum Schluss diese Frage: Wenn du am Ende deines Lebens zurückblickst – möchtest du als jemand in Erinnerung bleiben, der sich durchgesetzt hat, oder als jemand, der freundlich war?